Das Repertoire an lustigen Reimen
wohl manchen Schatz bereits barg.
Zum Lächeln verhilft es bisweilen.
Auch zahlreich ist Schalk heutzutag‘.

Doch hier bin ich etwas verlegen:
In eigenen Zeilen eher karg,
ist Komik recht mager vertreten.
Obschon ich sie eigentlich mag.

So reich ich Euch ne Auswahl an Reimen
von Erhardt, von Busch, und Gernhardt.
Es soll ein Lächeln bei Euch verbleiben,
mit lockerem Frohsinn gepaart.

– © Ben Bayer 2016

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
so schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
von ihm so heiß geliebte Pflanze.

– Willhelm Busch

Der Dichter

Abends zählt er seine Leiden,
tut sich an dem Vorrat weiden,
wählt eins aus, bedichtet es.

Morgens aber fleht er wieder:
Schicksalshammer, sause nieder!
Denn ich wähn mich schon im Grabe,
wenn ich nichts zu dichten habe.

– Robert Gernhardt

Ach, noch in der letzten Stunde
werde ich verbindlich sein.
Klopft der Tod an meine Türe,
rufe ich geschwind: Herein!

Woran soll es gehn? Ans Sterben?
Hab ich zwar noch nie gemacht,
doch wir werd’n das Kind schon schaukeln
na, das wäre ja gelacht!

Interessant so eine Sanduhr!
Ja, die halt ich gern mal fest.
Ach – und das ist Ihre Sense?

Wohin soll ich mich jetzt wenden?
Links? Von Ihnen aus gesehn?
Ach, von mir aus! Bis zur Grube?
Und wie soll es weitergehn?

Ja, die Uhr ist abgelaufen.
Wollen Sie die jetzt zurück?
Gibt’s die irgendwo zu kaufen?
Ein so ausgefall’nes Stück

Findet man nicht alle Tage,
womit ich nur sagen will
– ach! Ich soll hier nichts mehr sagen?
Geht in Ordnung! Bin schon

– Robert Gernhardt

Das Schnabeltier, das Schnabeltier
vollzieht den Schritt vom Ich zum Wir.
Es spricht nicht mehr nur noch von sich,
es sagt nicht mehr: „Dies Bier will ich!“
Es sagt: „Dies Bier,
das wollen wir!
Wir wollen es, das Schnabeltier!“

– Robert Gernhardt

Der Tauchenichts (nach Schiller)

„Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt,
zu schlunden in diesen Tauch?
Einen güldenen Becher habe ich mit,
den werf ich jetzt in des Meeres Bauch!
Wer ihn mir bringt, ihr Mannen und Knaben,
der soll meine Tochter zum Weibe haben!“

Der Becher flog.
Der Strudel zog
ihn hinab ins greuliche Tief.
Die Männer schauten,
weil sie sich grauten,
weg. – Und abermals der König rief:

„Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt,
zu schlauchen in diesen Tund?
Wer’s wagt – das erklär ich an Eidesstatt –
darf küssen mein’s Töchterleins Mund!
Darf heiraten sie und mein Land verwalten!
Und auch den Becher darf er behalten!“

Da schlichen die Mannen
und Knappen von dannen.
Bald waren sie alle verschwunden —
Sie wussten verläßlich:
die Tochter ist gräßlich!
Der Becher liegt heute noch unten…

– Heinz Erhardt

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
so hab ich erstens den Gewinn,
dass ich so hübsch bescheiden bin.

Zum Zweiten denken sich die Leut,
der Mann ist lauter Redlichkeit;
auch schnapp ich drittens diesen Bissen
vorweg den andern Kritiküssen.

Und viertens hoff ich außerdem
auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
dass ich ein ganz famoses Haus.

– Willhelm Busch

Deutung eines allegorischen Gemäldes

Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod

Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest

Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid

Des vierten Schild trieft
giftignaß –
das ist der Haß
das ist der Haß

Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.

– Robert Gernhardt

Ich sprach

Ich sprach nachts: Es werde Licht!
Aber heller wurd‘ es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein!
Doch das Wasser ließ dies sein.

Ich sprach: Lahmer, Du kannst geh’n!
Doch er blieb auf Krücken stehn.

Da ward auch dem Dümmsten klar,
dass ich nicht der Heiland war.

– Robert Gernhardt

Da kommt mir eben so ein Freund
mit einem großen Zwicker.
Ei, ruft er, Freundchen, wie mir scheint,
Sie werden immer dicker.

Ja, ja, man weiß oft selbst nicht wie,
so kommt man in die Jahre;
pardon, mein Schatz, hier haben Sie
schon eins, zwei graue Haare! –

Hinaus, verdammter Kritikus,
sonst schmeiß ich dich in Scherben.
Du Schlingel willst mir den Genuss
der Gegenwart verderben!

– Willhelm Busch

Der Berg

Hätte man sämtliche Berge der ganzen Welt
zusammengetragen und übereinandergestellt,
und wäre zu Füßen dieses Massivs
ein riesiges Meer, ein breites und tief’s,
und stürzte dann unter Donnern und Blitzen
der Berg in dieses Meer — na, das würd‘ spritzen!

– Heinz Erhardt

Nichttrinklied

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt.

Mich lockt nicht Bier, nicht Gin, nicht Wein –
Na ja, ein Wein, der darf schon sein.

Mich lockt nicht Korn, nicht Bier, nicht Gin –
Ist da ein Gin? Dann immer rin!

Mich lockt nicht Wein, nicht Korn, nicht Bier –
Da kommt ein Bier? Das nehmen wir!

Mich lockt nicht Gin, nicht Wein, nicht Korn –
Her mit dem Korn! Und dann von vorn:

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt etc.

– Robert Gernhardt

Theke – Antitheke – Syntheke

Beim ersten Glas sprach Husserl:
„Nach diesem Glas ist Schlusserl.“

Ihm antwortete Hegel:
„Zwei Glas sind hier die Regel.“

„Das kann nicht sein“, rief Wittgenstein,
„Bei mir geht noch ein drittes rein.“

Worauf Herr Kant befand:
„Ich seh ab vier erst Land.“

„Ach was“, sprach da Marcuse,
„Trink ich nicht fünf, trinkst du se.“

„Trink zu“, sprach Schopenhauer,
„Sonst wird das sechste sauer.“

„Das nehm ich“, sagte Bloch,
„Das siebte möpselt noch.“

Am Tisch erscholl Gequitsche,
still trank das achte Nietzsche.

„Das neunte erst schmeckt lecker!“
„Du hast ja recht, Heidegger“,

rief nach Glas zehn Adorno:
„Prost auch! Und nun von vorno!“

– Robert Gernhardt

Mein Freund, an einem Sonntagmorgen,
tät sich ein hübsches Rösslein borgen.
Mit frischem Hemd und frischem Mute,
in blanken Stiefeln, blankem Hute,
die Haltung stramm und stramm die Hose,
am Busen eine junge Rose,
so reitet er durch die Alleen,
wie ein Adonis anzusehen.

Die Reiter machen viel Vergnügen,
wenn sie ihr stolzes Ross bestiegen.

Nun kommt da unter sanftem Knarren
ein milchbeladner Eselskarren.
Das Rösslein, welches sehr erschrocken,
fängt an zu trappeln und zu bocken,
und, hopp, das war ein Satz, ein weiter!
Dort rennt das Ross, hier liegt der Reiter,
entfernt von seinem hohen Sitze,
platt auf dem Bauche in der Pfütze.

Die Reiter machen viel Vergnügen,
besonders, wenn sie drunten liegen.

– Willhelm Busch

Das Gleichnis

Wie wenn da einer, und er hielte
ein frühgereiftes Kind, das schielte,
hoch in den Himmel und er bäte:
„Du hörst jetzt auf den Namen Käthe!“ –
Wär dieser nicht dem Elch vergleichbar,
der tief im Sumpf und unerreichbar
nach Wurzeln, Halmen, Stauden sucht
und dabei stumm den Tag verflucht,
an dem er dieser Erde Licht… –
Nein? Nicht vergleichbar? Na, dann nicht!

– Robert Gernhardt

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